LiLa Spätelese wieder in der Kornmühle

 

Nach drei coronabedingten Veranstaltungen in der Alten Weberei fand die 34. LiLa Spätlese wieder in der Kornmühle statt. Martin Liening und Mathias Meyer-Langenhoff begrüßten ihr Publikum in der gewohnten und vertrauten Spielstätte. Als Gastautorinnen wirkten Celina Keute und Sigrid Eggersglüß mit.   

Zu Beginn betrat Keute gemeinsam mit ihrem 95jährigen Großvater Herrmann Kronemeyer die Bühne. Er war als 17jähriger im 2. Weltkrieg von der Wehrmacht eingezogen worden. Die junge Autorin hatte seine Lebens- und Kriegserinnerungen in zahlreichen Interviews festgehalten und daraus ein höchst lesenswertes Buch mit dem Titel „Schüsse in der Stille“ gemacht. Während Keute in sympathischer Art ausgewählte Passagen ihres Werkes vortrug, saß Kronemeyer an ihrer Seite und hörte aufmerksam zu. Das Publikum verfolgte den Vortrag der Urenkelin gebannt und sichtlich bewegt. Viele Details aus dem Alltagsleben in der Niedergrafschaft während der Nazi- und Kriegszeit, der Überfall auf die Niederlande und das angesichts des brutalen deutschen Angriffskrieges sich schnell von freundlicher Nachbarschaft in Hass verändernde Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen wurden in beklemmender Weise geschildert. Assoziationen zum Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine wurden mehr als deutlich. In einer kurzen Gesprächsrunde mit dem Publikum im Anschluss an die Lesung sprach sich Kronemeyer in aller Deutlichkeit gegen jeden Krieg aus.

 

Nicht zum ersten Mal war die Bad Bentheimerin Sigrid Eggersglüß zu Gast bei der LiLa Spätlese. Sie hatte zwei Kurzgeschichten mitgebracht, „Rosengarten“ und „Die Königin ist grau geworden“. Rosengarten, kürzlich prämiert in einem Wettbewerb des Schreibzentrums Wien, berührte das Publikum. Die Protagonistin, nach ihrer Flucht vor den Nazis seit über 60 Jahren in den USA zuhause, macht sich auf die Suche nach ihrer Jugendliebe, die in Nazi-Deutschland zu Beginn des zweiten Weltkrieges keine Chance hatte. Im Zug in Deutschland wird sie Zeugin eines rassistischen, gewalttätigen Übergriffs rechter Jugendlicher auf einen farbigen Mitreisenden und steht ihm mutig zu Seite. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben, wieder Gewalt, wieder Erniedrigung von Menschen. Dennoch stimmt die Geschichte zuversichtlich, denn letztlich obsiegen Liebe, Zuneigung und Mut über Gewalt, Traurigkeit und Ohnmacht. Auch die zweite Geschichte von einer vom Schicksal geschlagenen spielsüchtigen Frau vermittelt Hoffnung. „Nein“ antwortet die graue Königin am Ende der Geschichte auf die Frage einer Krankenschwester, „ich strahle, weil heute das Glück zu mir gekommen ist. Kein Spielgewinn, kein Geldregen. Ein Mensch ist zu mir gekommen, der sich an mich erinnert hat.“  

 

Nach der Pause übernahmen die beiden Gastgeber wie gewohnt die Bühne. Die von Meyer-Langenhoff geschaffene und dem Publikum bereits vertraute Lehrerfigur Alex Wittig setzte sich mit dem „Terror des Positiven“ auseinander und nahm sich die allgegenwärtige Frage „Alles gut?“ satirisch zur Brust. Das Publikum hatte sichtlich Vergnügen. Martin Liening trug aus seinem Band „Kurzes und Lyrisches“ Geschichten über ein altes Paar vor. Jede Geschichte beginnend mit „Sie liebte ihn“, sang Liening augenzwinkernd das hohe Lied von der Toleranz und dem immerwährenden Versuch, sich dennoch gegenseitig verändern zu wollen. Sei es bei Essgewohnheiten, Sauberkeit in der Wohnung oder nicht geschlossenen Schrank- und Zimmertüren. Wie sehr ein langes Berufsleben in der Verwaltung den Blick für bürokratische Absurditäten schärfen kann, bewies er mit seiner Figur „Stadtinspektor Mischke“, der beim Versuch, einer Umlaufmappe „das Leben zu retten“, sich schwer verletzte. 

                             Celina Keute und ihr Urgroßvater Hermann Kronemeyer

                                Sigrid Eggersglüß liest ihre Geschichte "Rosengarten"

                                       Ist Mathias Meyer-Langenhoff  Alex Wittig?

                              Martin Liening unmd Arno Heilgenberg beim Abschlussblues

                                            Eddi Schmidt und die Mandoline

Von links nach rechts: Hermann Kronemeyer, Celina Keute, Sigrid Eggersglüß, Martin Liening, Arno Heilgenberg und Mathias Meyer-Langenhoff.  Fotos: Karola Langenhoff

Hier findet die LiLa Spätlese statt: Kornmühle Nordhorn, Mühlendamm 1b

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Martin Liening und Mathias Meyer-Langenhoff